Das Netz von Balatonfenyves ist der letzte Vertreter einer einstmals großen Zahl von Wirtschaftsbahnen, die speziell in der Zeit
nach dem Zweiten Weltkrieg im ganzen Land hauptsächlich zum Transport landwirtschaftlicher Produkte errichtet wurden. Da das
Straßennetz damals noch sehr unzureichend ausgebaut war, wählte man als geeignetes Verkehrsmittel die Eisenbahn. Der Großteil
der Wirtschaftsbahnen wurde bereits in den 1970er-Jahren eingestellt, einige wenige Strecken waren noch bis zur politischen Wende
1989 in Betrieb.
Die Wirtschaftsbahn von Balatonfenyves wurde ab 1950 in einem Gebiet errichtet, das ursprünglich zum Plattensee gehörte
und erst ab der Mitte des 19. Jh. stufenweise trockengelegt wurde. Bereits in der Zwischenkriegszeit bestand hier eine rund 4 km
lange, 600 mm-spurige Feldbahn, die mit Pferden betrieben wurde und den größten Gutshof der Gegend, den Imremajor (Imre-Hof)
mit Balatonfenyves verband. Diese Feldbahn wurde während des Zweiten Weltkriegs stark in Mitleidenschaft gezogen. Der
Wiederaufbau erfolgte in der Einheitsspurweite von 760 mm, wobei aber geplant war, ein Wirtschaftsbahnnetz von rund 100 km zu
errichten, um auch die bis dahin nicht erschlossenen Einzelgehöfte und Siedlungen anzubinden. Auch ein Anschluß an die Torfbahn
von Feketebézseny war vorgesehen. Das landwirtschaftliche Zentrum wurde beim Imremajor eingerichtet, wo unter anderem auch eine
Mühle errichtet wurde. Entsprechend ausgedehnt waren die Gleisanlagen, die heute aber großteils verschwunden sind. Die
zugehörige Bahnstation benannte man "Központi Főmajor" (in etwa "Zentrales Hauptgehöft"), dort verzweigte
sich auch die Bahnstrecke in Richtung Osten (Csiszta bzw. Táska) und Süden (Pálmajor, Somogyszentpál).
Da jedoch die landwirtschaftlichen Erträge nicht den Erwartungen entsprachen und daher auch die Transportleistungen geringer
ausfielen, wurde nur etwa die Hälfte des geplanten Netzes auch tatsächlich errichtet. Der Oberbau war für eine
maximale Achslast von 5,5 t ausgelegt, die zulässige Höchstgeschwindigkeit betrug für Personenzüge 25 km/h,
für Güterzüge gar nur 12 km/h.
Am 3. Juni 1956 wurde auf den folgenden Strecken ein beschränkt-öffentlicher Personenverkehr aufgenommen:
- Balatonfenyves - Központi Főmajor - Táskai elágazás - Csiszta
- Központi Főmajor - Pálmajor
- Hunyadi akol elágazás - Hunyadi akol (Rigóháza)
- Táskai elágazás - Táska
- Pálmajori delta - Kéthelyi csatorna
Daneben existierten weitere Strecken nur für Güterverkehr. Der Personenverkehr nach Kéthelyi csatorna wurde bereits im
September 1959 wieder aufgegeben, dafür verkehren seither die Personenzüge über Pálmajor hinaus bis nach
Somogyszentpál. Gemäß der verkehrspolitischen Entscheidung von 1968 hätte 1973 der Verkehr auf dem gesamten Netz eingestellt
und durch LKW und Bus ersetzt werden sollen, das Fehlen von geeigneten Straßen im Moorgebiet dürfte aber diese Entwicklung
verhindert haben. So blieb die Bahn weiterhin in Betrieb, wichtige Investitionen unterblieben aber. Ab den 1970er-Jahren entwickelte
sich das Transportaufkommen stark rückläufig, was zur Einstellung mehrerer Streckenabschnitte führte. Bemerkenswert
in diesem Zusammenhang ist die Streckenverlängerung um 600 m von Csiszta nach Csiszta gyógyfürdő (Heilbad Csiszta) im
Jahr 1987. Um 1995 wurden die Gebäude der Ortschaft Rigóháza abgetragen, seither ist auch die Zweigstrecke dorthin nicht mehr in
Betrieb. Der Güterverkehr auf dem gesamten Netz wurde im Mai 1990 eingestellt.
Der immer schlechter werdende Streckenzustand zwang die Bahnverwaltung schließlich zu einer Entscheidung. Kleinere Entgleisungen waren
an der Tagesordnung, endeten aber glücklicherweise immer ohne Personenschaden. Mit Ende September 1997 hätte der Verkehr auf
dem gesamten verbliebenen Netz, auf dem mittlerweile aus Sicherheitsgründen eine Höchstgeschwindigkeit von nur mehr 5 km/h galt,
eingestellt werden sollen, massive Proteste der ansässigen Bevölkerung verhinderten dies aber. Nach einem schweren Unfall im
Herbst 2001, bei dem die Lok und die zwei Waggons eines Personenzuges entgleisten, wurde mit 1. September 2002 der Verkehr auf dem
größten Teil des Netzes eingestellt, nur der Abschnitt Balatonfenyves - Központi Főmajor blieb in Betrieb. Nach einer
Generalsanierung wurde am 15. Dezember 2002 der durchgehende Verkehr bis Somogyszentpál wieder aufgenommen, auch konnte die
Streckenhöchstgeschwindigkeit wieder auf 25 km/h heraufgesetzt werden. Für die Sanierung der Strecken von Központi Főmajor
nach Csiszta gyógyfürdő bzw. Táska fehlten jedoch die Mittel. Auf diesen Abschnitten ruht seither der Betrieb, offiziell eingestellt
wurden sie aber noch nicht. Mit dem Fahrplanwechsel am 9. Dezember 2007 hätte auf dem verbliebenen Restnetz der Betrieb eingestellt
werden sollen, das Vorhaben scheiterte aber an massiven Protesten der Eisenbahner. Die endgültige Einstellung hätte mit Fahrplanwechsel
im Dezember 2009 geschehen sollen. Kurz vor dem geplanten Einstellungstermin wurde aber bekannt, dass sich eine Betreibergesellschaft gebildet
hat, welche die Bahn übernehmen will. Bis es soweit ist, wird die Strecke weiter von der MÁV betrieben.
Entsprechend dem geringen Fahrgastaufkommen wird der Betrieb mit sehr bescheidenen Mitteln durchgeführt. Die fahrplanmäßigen
Züge bestehen aus einer Lok der Type C 50 und einem Personenwagen vom Typ Ba-w (LüP 14,30 m). Das Fehlen einer Druckluftbremse
für den Zug stellt dabei kein Problem dar, aufgrund der geringen Geschwindigkeiten genügt die Bremse der Lok. Von den früher
typischen 5-fenstrigen GV-Wagen des Typs Ba-k (mit Holzaufbau) sind noch einige Exemplare vorhanden, werden aber nicht mehr eingesetzt.